Schreiben. Vom Zukunftspotential einer „überholten“ Kulturtechnik

„Schlüsselkompetenz Schreiben“ ist der Titel eines Buches, das Otto Kruse gemeinsam mit Eva-Maria Jakobs und Gabriela Ruhmann – alle drei Zentralgestalten der Schreibforschung und -didaktik – 2014 herausbrachte.

Wer das Buch anno KI 2026 in die Hand nimmt, kann kaum glauben, mit welch rasender Geschwindigkeit und fassungslos machender sorgloser Kurzsichtigkeit heute das, was noch vor wenigen Jahren als unabdingbare Grundkompetenz in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik galt, im Zeichen von KI auf dem Müllhaufen „obsoleter Kulturtechniken“ zu landen droht.

Vor dem Hintergrund der zunehmend schriller werdenden Diskussion um den Wert des – eigenen – Schreibens in Zeiten von KI (warum sich und andere noch schreibend bilden, wenn die KI es doch „besser“ kann?) lohnt es sich, einige Sätze aus den einführenden Kapiteln des genannten Buches zu lesen:

S. 20: „Wissenschaft ist ohne geschriebene Texte nicht denkbar. Schreiben ist für die Wissenschaft eine konstituierende Handlung, und Hochschulsozialisation ist in großem Maße Schreib- und Sprachsozialisation.“ Wir ergänzen: Auch die unternehmerische Sozialisation ist im Kern eine Sprachsozialisation. Das Hineinwachsen in den spezifischen Diskurs und das Aneignen des Corporate Wordings bilden das Fundament für Organisationskultur, Identifikation und strategische Handlungsfähigkeit.

S. 21: „Wer einen Text schreibt, muß mehrere kognitive und sprachliche Leistungen gleichzeitig realisieren.“ Dazu gehören flexibel einsetzbares Fachwissen, adressatengerechtes Formulieren, das Beherrschen der Fachterminologie und der Normen von Diskursgemeinschaften.

S. 22: „Sprache ist […] nicht eine Art Wachs, in das der Stempel unseres Wissens lediglich eingeprägt wird, sondern Sprache ist ein aktives Medium, dessen gestaltende Möglichkeiten Sinn erst herstellen, ein Medium mit ‚epistemischer‘, d. h. wissensgenerierender Funktion.“

S. 23 ff.: Schreibkompetenz verbindet Textsorten-, Stil- und rhetorische Kompetenz mit souveräner Intertextualität; sie gründet auf Lese- und Rezeptionskompetenz, für die „Stichhaltigkeit, Stimmigkeit, Begründetheit und Genauigkeit“ die unveräußerlichen Fundamente bilden.

Das sind nur einige wenige Gedanken eines Buches, das ganz klar herausstellt, dass Schreiben eine hochkomplexe, mehrere Kompetenzen verbindende Angelegenheit ist, die – sollten wir noch die Chance bekommen, darin geschult zu werden – unsere geistige Infrastruktur, unser Ausdrucks- und Urteilsvermögen schärft, unsere „Stimme“ erkennbar macht, ja, uns dabei hilft, diese in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt erst überhaupt zu finden. Schon hier deutet sich an, warum es fatal wäre, unsere Kinder nicht genügend in dieser Kunst zu schulen und ihre kognitive Resilienz zu stärken, bevor wir sie an KI lassen oder sie gar an sie und ihre „mephistophelischen“ Versprechungen (siehe meinen vorangehenden Beitrag zu Goethe, Faust und KI) verlieren.

Wir sind Zeuge einer Entwicklung, die gerade auch von denen bilderstürmerisch vorangetrieben wird, für die KI mit der Verheißung einhergeht, auch ohne überragende Fähigkeiten nun endlich den Rang derer einzunehmen, die sich diesen – bisher – dank über Jahre erworbener fachlicher Kompetenz zu sichern vermochten. In einer Zeit, in der uns die wirklich brillanten Köpfe – die wir angesichts der aktuellen krisenhaften Entwicklungen dringend bräuchten! – zunehmend verloren gehen, wäre schon allein diese die grassierende Inkompetenz zusätzlich befeuernde Entwicklung Anlass genug, alle Hoffnung endgültig fahren zu lassen.

Kaum ein Tag vergeht, an dem der Sinn und Wert eigenen Schreibens, eigenen Formulierens nicht im Kontext von KI in Frage gestellt wird. Kaum ein Tag, an dem Bildung nicht hinterfragt oder gar entwertet wird – und das immer wieder neu aufkommende Gerede von einer möglichen Abschaffung akademischer Hausarbeiten oder schriftlicher Prüfungen ist nur ein Aspekt einer unseligen Diskussion, die alle die fassungslos machen muss, die schon einmal erlebt haben, was passiert, wenn jemand, der sich auf bloßes Abkupfern und/oder KI verlässt, auf einmal mündlich zu einem Thema Rede und Antwort stehen muss. Schade, dass uns unser wissenschaftlicher und unternehmerischer Nachwuchs nicht so viel wert ist, dass wir ihm die Zu-Mutung schenken, schreibend Themen zu durchdringen, sich zu eigen zu machen – und lebenslang darüber verfügen zu können.

Alles das, was als „nutzlos“ unter dem Beil der Verwertbarkeit oder dem der Austauschbarkeit durch KI zu fallen droht – das Schreiben, Musik, Literatur, Poesie, Kunst: All das macht uns erst zu tragenden, im Wortsinn wert-schöpfenden Pfeilern einer Wissens-, Arbeits- und Kulturgemeinschaft. Kaum jemand fragt sich dieser Tage, ob die brillanten Köpfe vergangener Tage – gerade auch in Technik, Wirtschaft, Politik – nicht deswegen so innovative, voranbringende Geister waren, weil sie all das zu unablösbaren Teilen ihrer Persönlichkeit, ihres Denkens und Arbeitens gemacht haben und die Ergebnisse ihres Entscheidens und Handelns auch davon mitgetragen wurden. Wäre es angesichts zunehmender Krisen, schrumpfender Wirtschaftsleistung, abnehmendem Wohlstand und einer allgemein abnehmenden Urteilskraft nicht eher ratsam, uns – gerade, weil KI nicht mehr „weg geht“ – jetzt erst recht auch in all den Dingen zu schulen, die uns zu mehr machen als bloßen Erfüllungsgehilfen einer Technologie? Uns in dem zu stärken, was uns zu souveränen Gestaltern unserer eigenen Zukunft macht, statt uns freiwillig in die kognitive Abhängigkeit zu manövrieren? Wie sollen wir zukünftigen Herausforderungen überhaupt gewachsen sein, wenn wir zu unkritischen, urteilsunfähigen, „mephistophelisch“ bequemlichen Schattenbildern und unkenntlichen Amöben degenerieren, die, statt sich intellektuellen Zu-Mutungen zu stellen, lieber von vornherein „denken lassen“ und ihr kognitives Immunsystem und die Möglichkeiten, zu denen das Humane immer noch in der Lage ist, preiszugeben?

Es ermüdet, immer wieder neu für die Dinge eintreten zu müssen, deren Wert für eine gebildete, kultivierte Gesellschaft, für ein funktionierendes, erfolgreiches Gemeinwesen bis vor wenigen Jahren nicht angezweifelt wurde – die jetzt aber spürbar unter „Rechtfertigungsdruck“ geraten: Und das nur leider allzu oft auf Anregung von Leuten, die KI offenbar als willkommenen Ersatz für fehlenden Intellekt und fehlendes Fachwissen begreifen und glauben, nun sei „Ihre“ Zeit gekommen. Hoffen wir, dass das ein Irrtum bleibt.

Je mehr kurzsichtige „Vorschläge“ genau aus dieser Ecke kommen, desto mehr sehe ich mich doch wieder dazu genötigt, nicht nur für das Schreiben, sondern auch für die (von reduzierendem „Runterschreiben“ an Schulen bedrohte) Literatur, für Poesie, für Musik und für Bildung als ein per se forderndes, herausforderndes, faszinierendes lebenslanges Großprojekt einzutreten – und zu werben. Ich bin ein Bildungsmensch, durch und durch – hier stehe ich und kann nicht anders.

Deswegen wird es hier auf meinem „Kanal“ demnächst mehr zum Thema Schreiben, aber auch zu Musik, Literatur und Bildung geben: Nicht etwa als rückwärtsgewandte Nostalgie, sondern als begeistertes, leidenschaftliches Werben für Inhalte, die uns verankern, die uns neue Perspektiven schenken. Für den „human touch“, den ich für nichts in der Welt eintauschen möchte – und für die „future skills“, die nur er uns schenken kann.