„Schlüsselkompetenz Schreiben“ ist der Titel eines Buches, das Otto Kruse gemeinsam mit Eva-Maria Jakobs und Gabriela Ruhmann – alle drei Zentralgestalten der Schreibforschung und -didaktik – 2014 herausbrachte.
Wer das Buch anno KI 2026 in die Hand nimmt, kann kaum glauben, mit welch rasender Geschwindigkeit und fassungslos machender sorgloser Kurzsichtigkeit heute das, was noch vor wenigen Jahren als unabdingbare Grundkompetenz in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik galt, im Zeichen von KI auf dem Müllhaufen „obsoleter Kulturtechniken“ zu landen droht.
Vor dem Hintergrund der zunehmend schriller werdenden Diskussion um den Wert des – eigenen – Schreibens in Zeiten von KI (warum sich und andere noch schreibend bilden, wenn die KI es doch „besser“ kann?) lohnt es sich, einige Sätze aus den einführenden Kapiteln des genannten Buches zu lesen:
S. 20: „Wissenschaft ist ohne geschriebene Texte nicht denkbar. Schreiben ist für die Wissenschaft eine konstituierende Handlung, und Hochschulsozialisation ist in großem Maße Schreib- und Sprachsozialisation.“ Wir ergänzen: Auch die unternehmerische Sozialisation ist im Kern eine Sprachsozialisation. Das Hineinwachsen in den spezifischen Diskurs und das Aneignen des Corporate Wordings bilden das Fundament für Organisationskultur, Identifikation und strategische Handlungsfähigkeit.
S. 21: „Wer einen Text schreibt, muß mehrere kognitive und sprachliche Leistungen gleichzeitig realisieren.“ Dazu gehören flexibel einsetzbares Fachwissen, adressatengerechtes Formulieren, das Beherrschen der Fachterminologie und der Normen von Diskursgemeinschaften.
S. 22: „Sprache ist […] nicht eine Art Wachs, in das der Stempel unseres Wissens lediglich eingeprägt wird, sondern Sprache ist ein aktives Medium, dessen gestaltende Möglichkeiten Sinn erst herstellen, ein Medium mit ‚epistemischer‘, d. h. wissensgenerierender Funktion.“
S. 23 ff.: Schreibkompetenz verbindet Textsorten-, Stil- und rhetorische Kompetenz mit souveräner Intertextualität; sie gründet auf Lese- und Rezeptionskompetenz, für die „Stichhaltigkeit, Stimmigkeit, Begründetheit und Genauigkeit“ die unveräußerlichen Fundamente bilden.
Das sind nur einige wenige Gedanken eines Buches, das ganz klar herausstellt, dass Schreiben eine hochkomplexe, mehrere Kompetenzen verbindende Angelegenheit ist, die – sollten wir noch die Chance bekommen, darin geschult zu werden – unsere geistige Infrastruktur, unser Ausdrucks- und Urteilsvermögen schärft, unsere „Stimme“ erkennbar macht, ja, uns dabei hilft, diese in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt erst überhaupt zu finden. Schon hier deutet sich an, warum es fatal wäre, unsere Kinder nicht genügend in dieser Kunst zu schulen und ihre kognitive Resilienz zu stärken, bevor wir sie an KI lassen oder sie gar an sie und ihre „mephistophelischen“ Versprechungen (siehe meinen vorangehenden Beitrag zu Goethe, Faust und KI) verlieren.
Wir sind Zeuge einer Entwicklung, die gerade auch von denen bilderstürmerisch vorangetrieben wird, für die KI mit der Verheißung einhergeht, auch ohne überragende Fähigkeiten nun endlich den Rang derer einzunehmen, die sich diesen – bisher – dank über Jahre erworbener fachlicher Kompetenz zu sichern vermochten. In einer Zeit, in der uns die wirklich brillanten Köpfe – die wir angesichts der aktuellen krisenhaften Entwicklungen dringend bräuchten! – zunehmend verloren gehen, wäre schon allein diese die grassierende Inkompetenz zusätzlich befeuernde Entwicklung Anlass genug, alle Hoffnung endgültig fahren zu lassen.
Kaum ein Tag vergeht, an dem der Sinn und Wert eigenen Schreibens, eigenen Formulierens nicht im Kontext von KI in Frage gestellt wird. Kaum ein Tag, an dem Bildung nicht hinterfragt oder gar entwertet wird – und das immer wieder neu aufkommende Gerede von einer möglichen Abschaffung akademischer Hausarbeiten oder schriftlicher Prüfungen ist nur ein Aspekt einer unseligen Diskussion, die alle die fassungslos machen muss, die schon einmal erlebt haben, was passiert, wenn jemand, der sich auf bloßes Abkupfern und/oder KI verlässt, auf einmal mündlich zu einem Thema Rede und Antwort stehen muss. Schade, dass uns unser wissenschaftlicher und unternehmerischer Nachwuchs nicht so viel wert ist, dass wir ihm die Zu-Mutung schenken, schreibend Themen zu durchdringen, sich zu eigen zu machen – und lebenslang darüber verfügen zu können.
Alles das, was als „nutzlos“ unter dem Beil der Verwertbarkeit oder dem der Austauschbarkeit durch KI zu fallen droht – das Schreiben, Musik, Literatur, Poesie, Kunst: All das macht uns erst zu tragenden, im Wortsinn wert-schöpfenden Pfeilern einer Wissens-, Arbeits- und Kulturgemeinschaft. Kaum jemand fragt sich dieser Tage, ob die brillanten Köpfe vergangener Tage – gerade auch in Technik, Wirtschaft, Politik – nicht deswegen so innovative, voranbringende Geister waren, weil sie all das zu unablösbaren Teilen ihrer Persönlichkeit, ihres Denkens und Arbeitens gemacht haben und die Ergebnisse ihres Entscheidens und Handelns auch davon mitgetragen wurden. Wäre es angesichts zunehmender Krisen, schrumpfender Wirtschaftsleistung, abnehmendem Wohlstand und einer allgemein abnehmenden Urteilskraft nicht eher ratsam, uns – gerade, weil KI nicht mehr „weg geht“ – jetzt erst recht auch in all den Dingen zu schulen, die uns zu mehr machen als bloßen Erfüllungsgehilfen einer Technologie? Uns in dem zu stärken, was uns zu souveränen Gestaltern unserer eigenen Zukunft macht, statt uns freiwillig in die kognitive Abhängigkeit zu manövrieren? Wie sollen wir zukünftigen Herausforderungen überhaupt gewachsen sein, wenn wir zu unkritischen, urteilsunfähigen, „mephistophelisch“ bequemlichen Schattenbildern und unkenntlichen Amöben degenerieren, die, statt sich intellektuellen Zu-Mutungen zu stellen, lieber von vornherein „denken lassen“ und ihr kognitives Immunsystem und die Möglichkeiten, zu denen das Humane immer noch in der Lage ist, preiszugeben?
Es ermüdet, immer wieder neu für die Dinge eintreten zu müssen, deren Wert für eine gebildete, kultivierte Gesellschaft, für ein funktionierendes, erfolgreiches Gemeinwesen bis vor wenigen Jahren nicht angezweifelt wurde – die jetzt aber spürbar unter „Rechtfertigungsdruck“ geraten: Und das nur leider allzu oft auf Anregung von Leuten, die KI offenbar als willkommenen Ersatz für fehlenden Intellekt und fehlendes Fachwissen begreifen und glauben, nun sei „Ihre“ Zeit gekommen. Hoffen wir, dass das ein Irrtum bleibt.
Je mehr kurzsichtige „Vorschläge“ genau aus dieser Ecke kommen, desto mehr sehe ich mich doch wieder dazu genötigt, nicht nur für das Schreiben, sondern auch für die (von reduzierendem „Runterschreiben“ an Schulen bedrohte) Literatur, für Poesie, für Musik und für Bildung als ein per se forderndes, herausforderndes, faszinierendes lebenslanges Großprojekt einzutreten – und zu werben. Ich bin ein Bildungsmensch, durch und durch – hier stehe ich und kann nicht anders.
Deswegen wird es hier auf meinem „Kanal“ demnächst mehr zum Thema Schreiben, aber auch zu Musik, Literatur und Bildung geben: Nicht etwa als rückwärtsgewandte Nostalgie, sondern als begeistertes, leidenschaftliches Werben für Inhalte, die uns verankern, die uns neue Perspektiven schenken. Für den „human touch“, den ich für nichts in der Welt eintauschen möchte – und für die „future skills“, die nur er uns schenken kann.
Warum wir von Goethe, Faust und Mephistopheles einiges über einen klugen Umgang mit KI und den bleibenden Wert von Bildung lernen können
Von Edda Güntert
Goethe wusste sehr gut, warum er der Beschleunigung misstraute, die um 1800 alle Lebensbereiche ergriff – und sie gleichzeitig genau im Auge behielt, erforschte und künstlerisch verarbeitete.
[Anmerkung:Jetzt kommt ein bisschen unabdingbares Vorwissen. Ja, so ist das, eins folgt aufs andere: Im Schreiben und im Denken. Schritt für Schritt zum Gipfel – schön ent-schleunigt. Und außerdem: Wann bekommen Sie je wieder auf ein paar Seiten wesentliche Dinge zum “Faust” erzählt? Und können danach auch noch auf Linkedin und sonstwo mit Ihrem Wissen zu “Faust und KI” angeben? Also: Dranbleiben.]
Umfassend und tiefgreifend waren die Revolutionen, die im technischen, wissenschaftlichen und politischen Bereich das Leben zur Goethe-Zeit umwälzten: Von der Erfindung der Eisenbahn, die die Mobilität revolutionierte, der Dampfmaschine, diesem Kernstück der industriellen Revolution über die Eroberung des Himmels durch die Brüder Montgolfier, Galvanismus und optische Telegraphie drängten sich die Neuerungen und Erfindungen in einer bedrängenden Dichte zusammen, die noch uns Heutige atem- und vor allem: hilflos machen würde.
Hinzu kamen die Revolutionen auf politischer Ebene: Den Zusammenbruch jahrhundertealter Ordnungen durch die Französische Revolution, die tausende ihrer Kinder fraß, hatte er ebenso erlebt und – vor allem künstlerisch – verarbeitet wie Aufstieg und Fall so „dämonischer“ Gestalten wie Napoleon, dem er (wie dem Fortschritt selbst) sich in einer höchst ambivalenten, spannungsvollen Mischung aus Faszination und Ablehnung verbunden fühlte.
In Goethes Lebens- und Schaffenszeit fanden Revolutionen statt, deren Auswirkungen bis in unsere Zeit hineingreifen. Bemerkenswert und berührend der Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit, wenn sich Goethe 1825 im Gespräch mit Eckermann fragt, was die verwirrende Beschleunigung des Seins und Denkens vor allem mit der Jugend anstellt, deren Bildung doch Zeit brauche, um zu wachsen und zu reifen: “Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen.”
Was er – der gefährdete Melancholiker und sensible Künstler mit genauer Beobachtungsgabe – wohl zu den Diskussionen um Handysucht, Social Media Konsum, verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, Einsamkeit und zu den Spaltungserscheinungen unserer Zeit gesagt hätte?
Im Wirbel von Krisen und Revolutionen: Goethes Bewältigungsstrategien
Im Laufe seines langen Lebens (1749-1832) hatte Goethe verschiedene Strategien oder “Haltungen” erarbeitet, um solchen Herausforderungen standzuhalten, innere Integrität und persönliche Würde zu bewahren und einen klaren Kopf zu behalten, sprich: Mental zu überleben. Da gibt es Konzepte wie die “Entsagung” im Spätwerk, die nichts mit Verweigerung, passiv “biedermeierlichem” Ausharren oder innerer Emigration zu tun hat (na, kommt uns das nicht bekannt vor?), sondern mehr mit einer Reduktion auf das Wesentliche oder einem Bewusstwerden dessen, was Substanz hat (auch das wäre uns Heutigen durchaus zu empfehlen).
Wichtig war dem Sprachkünstler und Augenmenschen Goethe, möglichst genaue Begriffe zum “Be-Greifen” all dessen zu entwickeln, was sich eigentlich einer Einordnung entzieht und was das menschliche Fassungs- und Verarbeitungsvermögen eigentlich übersteigt. Das “Dämonische” wurde bereits erwähnt: Das konnten Zeiterscheinungen oder -genossen sein, die in ihrer Ambivalenz zwischen “dunkler und heller Seite” sich moralischen Beurteilungen und Einordnungen schlichtweg entzogen – und denen nur in einer für uns Leser (weil wir Menschen eben so gerne be- und vor allem verurteilen!) nicht ganz leicht zu verstehenden und einzuhaltenden “Schwebe” zu begegnen war, wie sie auch Goethes eigene Werke, vor allem das Spätwerk (z. B. die Gedichte des “Westöstlichen Divan”, Wilhelm Meisters Wanderjahre, vor allem Faust II) prägen.
Die “Lässlichkeit” – keineswegs als Nachlässigkeit misszuverstehen – die Goethe in seinen späten Arbeiten wirken lässt und die sich z. B. in seiner Zuneigung zum Fragment, zur offenen, nicht abschließbaren Form zeigt, ist Ausdruck einer zunehmenden Klarheit des Denkens: Goethe weiß, dass im Grunde nur so die Komplexität der Dinge, der wir Menschen eigentlich nicht gewachsen sind und die uns ständig fordert und herausfordert, gestaltet werden kann (wer noch die Möglichkeit hat, die aktuelle Cezanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen: Hier lässt sich genau diese Entwicklung hin zum “Offen-Lassen”, zu einer Kunst des nur noch Andeutenden wunderbar anhand von Cezannes Gemälde studieren – übrigens nach neuer Schreibweise ohne Akzent auf dem e, aber das ist wieder eine andere Geschichte…).
[… den folgenden Abschnitt können Sie überspringen… aber auch nur diesen – mehr mephistophelisches Abkürzen kann ich – zu Ihrem eigenen Wohl! – nicht gestatten! Wenn Sie hingegen noch ein bisschen mehr wissen wollen – nur zu.]
[Sehr spannend auch Goethes Hinwendung zur Musik, vor allem zur Polyphonie, zur Mehrstimmigkeit, d. h. dem gleichzeitigen Erklingen mehrerer, verschiedener Gesangs-und/oder Orchesterstimmen. Bach bewunderte er, wie er überhaupt Musik bewunderte. Als Laie konnte er aber “nur an der Schwelle” zu ihr “schnopern (schnuppern)”, wie er bedauernd und zugleich seinen Mephisto zitierend (“An der Schwelle was schnoperst du hier?”, Faust I, Vers 1187) zugeben musste. Bei aller Kritik an den Frühromantikern und ihrem “Nebler- und Schweblertum”: In der Hinwendung zur Musik – DIE Kunst schlechthin in der Romantik – sah er eine Möglichkeit, der bedrängenden Vielgestaltigkeit von Welt und der modernen Erscheinungen Herr zu werden. Dass die Musik viel besser als die Dichtung (die nun mal eher linear und damit vereinseitigend verläuft) komplexe Dinge auffangen und gestalten kann, brachte Goethe dazu, z. B. in seinem “Faust II” durch Textschichtungen musikalische Mehrstimmigkeit nachzuahmen: Ein Versuch, die “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen” (Gerhart Baumann) als die ganz große Herausforderung modernen Lebens künstlerisch zu gestalten – und mit ihr fertig zu werden.]
Das entscheidende Vademecum gegen die Bedrängung durch (menschgemachte) Unwälzungen, Krisen und Revolutionen sah Goethe aber darin: Selbst tätig zu bleiben.
Sich nicht den Entwicklungen verweigern (ein Vorwurf, der heute gerne den KI-Gegnern gemacht wird). Genau beobachten, sich informieren, erforschen – und tätig bleiben “bis zuletzt”, d. h. mit den Dingen arbeiten und sie verarbeiten – in Texten, Dichtungen, Kunstwerken. Im Tätigsein erfüllte sich für Goethe das Menschsein in all seiner Unvollkommenheit, seiner Fehlbarkeit (zerstörerische Folgen inklusive) – aber auch seiner Fähigkeit, trotz oder gerade wegen seiner Begrenztheit Erkenntnis zu schaffen, den Fortschritt (in seiner ganzen Ambivalenz) voranzutreiben und in aller Vernichtungskraft auch Bleibendes, Wertvolles, Wunderbares zu schaffen. Goethes Werk ist ein Hymnus auf das Menschliche, der die dunklen Stimmen sehr wohl mitklingen lässt: “Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein/Um tierischer als jedes Tier zu sein.” (Faust I, Prolog im Himmel, Verse 285-286).
Wir waren beim Tätigsein. Die Betonung liegt jedoch auf dem „Selbst“. Selbst tätig bleiben.
Und genau HIER wird es interessant für das Thema KI – und für alle, die aktuell auf Linkedin und sonstwo über “KI und die Folgen”, über das Delegieren des Schreibens und das Auslagern des Denkens, über die Vor- und Nachteile von Fortschritt und technischen Revolutionen diskutieren und streiten.
Wir sind längst mittendrin in Goethes Hauptwerk, dem Faust, vor allem seinem Faust II – der aktuell mit einigen anderen Zentralwerken der deutschen Literatur das Schicksal teilt, für Schülerinnen und Schüler auf konsumierbares Maß heruntergeschrieben zu werden, weil man ihnen diese – zugegeben – intellektuelle Anstrengung nicht mehr zutraut (oder sie tatsächlich dieser nicht mehr gewachsen sind). Zu untersuchen, was hier genau vorliegt – echte Überforderung oder eine nur angenommene oder vorausgenommene -, ginge hier zu weit. Also: Konzentrieren wir uns auf unser Thema. Obwohl: Eigentlich hat auch das sehr viel mit KI zu tun! Klären wir noch.
[Wer übrigens glaubt, Faust I sei “nur” eine dramatische Liebesgeschichte, greift übrigens schon mal zu kurz. Eine solche Reduzierung des Stoffs diente bereits im 19. Jahrhundert romantischen Opern wie der von Charles Gounod zum Libretto – was dazu führte, dass seine Oper in Deutschland strikt als “Margarethe”, nicht aber als “Faust” aufgeführt wurde … aber das ist wieder eine andere Geschichte …]
Mephistopheles: Schwätzer, Trickser, Manipulateur – und Herr der “künstlichen” Abkürzungen
Eindrückliche Verse hat Goethe Fausts höllischem Begleiter in den Mund gelegt. Er ist “der Geist, der stets verneint” (Faust I, Vers 1338) – “Und das mit Recht, denn alles, was entsteht,/Ist wert, dass es zugrunde geht;/Drum besser wär’s, dass nichts entstünde./So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt,/Mein eigentliches Element.” (Faust I, Verse 1339–1344)
Das klingt schon sehr nach bösem Teufel. Aber Goethe wäre eben nicht Goethe, wenn er es uns zu einfach – und unserem Bedürfnis nach einfachen Ein- und Zuordnungen (“Schubladendenken”) nachkommen würde. So einfach liegen die Dinge auch beim Bösen nicht! Nicht vergessen: “Der Herr” – auch er ist nicht etwa der liebe Gott mit Rauschebart – gibt Faust noch bevor das ganze Drama losgeht (nämlich im “Prolog im Himmel”) den düsteren Gesellen in einer Wette ganz bewusst an die Seite! Merke: Auch das Böse hat offenbar seinen Zweck im Ganzen. Und für Faust trifft das sowas von zu: Der (“heiße Magister, heiße Doktor gar”, Faust I, Verse 354–359) hat nämlich von seinen ganzen jahrelangen Studien, vom Forschen und Suchen endgültig die Nase voll.
DAS ist genau die “reine Anhäufung von Wissen”, von der auf Linkedin so viele sprechen! Faust aber will mehr, er will zum Eigentlichen vordringen. Pure Gelehrsamkeit bringt ihn jedoch seinem Ziel keinen Schritt weiter.
Burnout. Faust will Schluss machen – mit Gift.
Was soll das? Wozu noch nach Erkenntnis streben? Wofür sich bilden? Wozu sich weiter anstrengen? Macht das alles noch Sinn?
Auftritt Mephistopheles! Wir werden noch sehen, warum der Trickser, der Magier immer genau dann auftaucht, wenn Faust aufzugeben droht.
Er umkreist Faust zwar vorher schon in Gestalt des berühmten Pudels (“Das also war des Pudels Kern!”, Faust I, Vers 1323). Aber genau jetzt am absoluten Tiefpunkt muss er erscheinen – nach göttlichem Plan: Der düstere Geselle, der im Grunde nichts anderes ist als die “dunkle”, sich nach einem “hirnbefreiten” Leben sehnende Seite Fausts, bekommt jetzt die Chance, den bildungsmüden Forscher zu verführen: Äußerlich zu mehr Sex (armes Gretchen), mehr “life” in der “life and work balance” – im Grunde aber: zur geistigen Trägheit.
Kein Streben, kein Anstrengen mehr (was ja ohnehin wenig Aussicht auf Anerkennung hat). So war’s bereits im “Prolog im Himmel” ausgemacht, denn der “Herr” kann die Wette mit dem Teufel nur deswegen eingehen, weil er weiß, dass Faust – der Mensch – von seinem “Urquell”, seiner wissenschaftlichen Neugierde, seinem Streben nach Erkenntnisgewinn und seiner Sucht nach Fortschritt nicht ablassen kann – und wird.
Mephistopheles aber darf über Faust I (“die kleine Welt”) und Faust II hinweg – wo das Ganze ins Monumentale gesteigert wird (“die große Welt”) – sein ganzes Arsenal an Möglichkeiten aufführen, wie Faust dazu zu verführen wäre, dass er endlich wirklich die berühmten Verse sagt: “Werd’ ich zum Augenblicke sagen:/Verweile doch, Du bist so schön!/Dann magst Du mich in Fesseln schlagen,/Dann will ich gern zugrunde gehen.” (Faust I, Verse 1699–1702). Wichtig auch die Verse vorher: “Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,/So sei es gleich um mich getan!” (Faust I, Verse 1692-1693)
Hat nicht irgendjemand auf Linkedin vor kurzem geschrieben, dass KI “dick macht” – weil: faul? …
In der “großen Welt” des Faust II geht es um mehr als “nur” Entgrenzungserfahrung durch Sex: Es geht um “cash” und wirtschaftliche Macht, um wissenschaftliche Grenzüberschreitungen und um bautechnischen Größenwahn. Das irrsinnige Dammbauprojekt kurz vor Fausts Tod – er will “für Millionen” (Faust II, Vers 11563) dem Wasser Land abgewinnen – markiert den grellen Höhepunkt eines “Mehr! Mehr!”, das – so “teuflisch”, fragwürdig und abstoßend es auf uns wirkt – für Goethe eben auch die große Antriebsturbine menschlichen Handelns und Forschens ist.
Jetzt wird’s aber richtig anstrengend – denn: Ist jetzt Mephistopheles der “Bremser”, der Faust zur “Ruhe”, zur Bequemlichkeit verführen will – oder nicht doch der ewige Antreiber?
Richtig: Er ist beides!
Und der “Herr” im Himmel hat es immer schon gewusst: „Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, / Er liebt sich bald die unbedingte Ruh; / Drum geb’ ich gern ihm den Gesellen zu, / Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“ (Faust I, Prolog im Himmel, Verse 340–343)
Wie jetzt? Der Teufel schafft? Hat er nicht vorher gesagt, dass er der Typ fürs Zugrunderichten ist, fürs Zerstören?
Ja – und nein – und wieder Ja: In der Zerstörung liegt schon wieder der Neubeginn. Und immer wenn er Faust fast am Boden hat, entsteht aus dem drohenden Stillstand wieder der Impuls, weiterzumachen. Armer Teufel! Eigentlich hat er von Beginn an keine Chance. Und selbst als Faust stirbt und Mephistopheles hofft, mit ihm die Höllenfahrt antreten zu können, weicht dieser noch in den Konjunktiv aus: Im Größenwahn des Dammbauprojektes – das keines ist, denn in Wahrheit schaufeln nur mumienhafte Lemuren, Zerrbilder seines Irrsinns sein Grab, was er aber in seiner “Blindheit” nicht erkennt – verschiebt er den “Tod”, das endgültige Ausruhen schon wieder in die Zukunft. Wieder nix mit Höllenfahrt, der Mensch ist einfach nicht zu fassen: “Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ (Faust II, Verse 11581–11582). Und dann bekommt dieser Machtmensch und Unsympath auch die Erlösung durch die himmlischen Heerscharen geschenkt! Ja – nicht zu fassen. Dazu aber später.
Aber wie stellt denn Mephisto das jetzt an, mit dem Verführen zum Stillstand, zur Bequemlichkeit? Er setzt auf: Beschleunigung.
Moment…
Ja, wieder so ein Paradoxon, mit dem Goethe unsere Synapsen “weidlich schwitzen” (Faust I, Vers 1324) lässt – das aber nur zeigt, wie genau er menschliches Denken und Handeln studiert hat.
Mephistopheles ist durch beide Teile des “Faust” hindurch der große Beschleuniger. Der Abkürzer. Der Trickser. Der Kompetenzsimulateur und Dampfplauderer, der uns nur noch Worte “einbläst” (siehe Faust II, Vers 4934). Das macht ihn – bei allem Charme und Witz – brandgefährlich, denn er ist tatsächlich ein Zerstörer, ein “Untergeher”: von eigener Anstrengung, eigener Tätigkeit und damit von eigenem Erleben, echter Erfahrung – sprich: von der Autonomie des Denkens und Handelns.
August von Kreling: Faust und Mephisto auf dem Zaubermantel (ca. 1850). Bildquelle: Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum (via museum-digital).
Wie verführerisch in der Tat! Warum sich selbst noch abmühen, wenn’s doch auch schneller geht?
Goethe hat nicht von ungefähr die Beschleunigungstendenzen der modernen Welt “veloziferisch” genannt: Eine geniale Verschränkung von “velocitas” (lat. “Schnelligkeit”) und “luziferisch”. Während Mephistopheles nur ein niederer Diener der dunklen Seite ist, gilt Luzifer als der oberste Herr der Hölle. Und wieder diese Ambivalenz: Einer der obersten Engel, der das “Licht” im Namen trägt und dem – ähnlich wie Prometheus – der Griff nach dem gottgleichen Licht zum Verhängnis wurde.
Dass Mephistopheles der Diener der modernen Beschleunigung ist, zeigt sich schon bei so einer vermeintlich unwichtigen Szene wie dem Aufstieg auf den Brocken zur Walpurgisnacht. Dem Vertreter von Zerstörung und Vernichtung geht’s nicht schnell genug. Schon da setzt er auf Magie und künstliche Beschleunigung. Und sei es nur in Gestalt eines Zauberbesens oder eines fliegenden Ziegenbocks.
Faust hingegen? Vertraut auf seine eigenen Beine und stützt sich auf seinen “Knotenstock”. Mit Magie hätte er es schneller und leichter haben können – aber: “Solang ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle, /Genügt mir dieser Knotenstock.” (Faust I, Verse 3838-3839). Und dann der für unser KI-Thema so wichtige Vers: “Was hilft’s, dass man den Weg verkürzt!” (Faust I, Verse 941–944)
Fausts (und unsere) Chance auf Erlösung: Selbst laufen, selbst denken, selbst schaffen!
Faust will sich den Weg zum Gipfel nicht künstlich verkürzen. Er setzt auf eigene Voraussetzungen (Beine), Handwerk (Knotenstock) – und die Inspiration durch die Natur. Das ist die klare Verweigerung jenes Beschleunigungswahns, dem er (als Verführung zur Bequemlichkeit, also nicht selber laufen, nicht selber denken, nicht selber erfahren müssen) immer wieder zu erliegen droht – und doch immer wieder neu haarscharf entkommt. Ob Zaubertrank zur Verjüngung, Zaubermantel, fliegende Ziegenböcke und Zauberpferde zur schnelleren Fortbewegung, “Papiergeld” statt echter Wertschöpfung zur Abwendung der Staatspleite, “glühende Schlüssel”, um Zeit und Raum zu überwinden: Ein praktisches “Tool” nach dem anderen bietet Mephisto an. Alle sind sie Zeichen einer zunehmenden Entwertung und Entkernung: Simulation statt Echtheit, Trugbilder statt Erfahrung und Erkenntnis, ja, sogar ein künstliches, im Reagenzglas gezüchtetes Menschlein (“Homunculus”), das dank Magie nicht “entsteht”, “wächst” – also in einem von Schmerzen, Erfahrungen, Scheitern und Neuanfang geprägten Prozess, sondern einfach nur sofort “da” ist.
Wie eine rein KI-generierte “Schöpfung”: Einfach “da”. Zutaten ins Reagenzglas, klicken, Ergebnis. Wie der Homunculus, der künstlich geschaffene Mensch, haben auch rein KI-generierte “Schöpfungen”, z. B. Texte keine “Geschichte”, so äußerlich perfekt sie erscheinen. Anders als in menschgemachten Schöpfungen prägt sich in ihnen nicht der Entstehungsprozess, der “Trippelgang” (Faust II, Vers 7119) der Entwicklung – mit Schmerzen, Krisen, Korrekturen, Abbrüchen und Neuanfängen aus. Sie sind nicht evolutionär gewachsen, sondern sind schlichtweg re-volutionär nur “da”.
Das gibt ihnen diese profil- und kantenlose Glätte, die äußere Perfektion. Außerhalb ihrer “Phiole”, ihres Reagenzglases, fehlt ihnen aber genau jene Tragkraft, jene Wahrhaftigkeit und Essenz, die eine menschgemachte Schöpfung auszeichnet.
[Anmerkung: Wer glaubt, Bewerbungsunterlagen oder Social Media Posts über Bach “mal so” schnell mit Mephistopheles‘ Hilfe generieren zu können, darf sich nicht wundern, wenn nichts kommt, wenn man im wirklichen Leben außerhalb der Phiole dazu befragt wird …]
Anders als der “Homunculus”, der daran leidet, dass ihm eben dieser erkennbare und profilprägende Schaffensprozess zur Begründung seiner Existenz fehlt und der sich deshalb selbst vernichtet, um über ein “Nachholen” der Evolution ein echter MENSCH mit einer echten Genealogie zu werden, werden KI-generierte, mephistophelisch beschleunigt erzeugte Schöpfungen nie den Anstrich von Wechselbälgern los: Nicht klar zuzuordnen, ohne wirkliche Verankerung in eindeutiger Herkunft. Nur irgendwie auf einmal “da”.
Und Faust – dieses Abbild des strebenden, forschend irrenden, fehlbaren Menschen?
Der ist zum einen dieser magischen Beschleunigung, die immer auch Verkürzung und damit immer auch Verlusterfahrung um den Preis echten Erlebens und eigener Erfahrung ist, gar nicht gewachsen. Zwar erliegt er immer wieder auch mal der Verführung, mittels mephistophelischer “Tools” schneller seine Wünsche und Erkenntnisziele zu erlangen. Das Problem: Seine Erkenntnisinstrumente sind gar nicht darauf ausgerichtet – oder besser: sein menschliches “Betriebssystem” kann die enorme “Rechenleistung” der sich künstlich-”magisch” vor ihm auftuenden Dinge gar nicht verarbeiten.
Deswegen hat Andrej Karparthy den Begriff des „vibe coding“ (2025) zu „agentic engineering“ (2026) weiterentwickelt: behalte die Kontrolle!
Der frustrierte und ermüdete Forscher Faust will dem Bauprinzip der Natur – in Gestalt des “Erdgeistes” (siehe Faust I, ab Vers 460) – nicht mehr im “Trippelgang” mühseliger Forschungsarbeit auf die Spur kommen. Also wählt er – sogar noch bevor Mephistopheles auftaucht – Zaubersprüche, um den Geist sofort, d. h. ohne die anstrengende, nur häppchenweise fortschreitende Forschungsarbeit herbeizurufen.
Das geht gnadenlos schief: Sobald der Geist in seiner ungebremsten Fülle vor ihm auftaucht, bricht Faust zusammen. Wenn er die antike Helena – die Verkörperung antik-klassischer Schönheit – per Magie heraufbeschwört, passiert das Gleiche.
Interessant ist, wie Goethe die Augenblicke (nicht umsonst ein zentraler Begriff bei ihm!) gestaltet, in denen Faust nicht zusammenbricht, sondern Erkenntnis gewinnt: Das glückt paradoxerweise immer dann, wenn er auf Magie verzichtet – wenn er seine eigene Begrenztheit akzeptiert, wenn er auf das setzt, was ihn als Mensch auszeichnet, so unvollständig und fehlbar es auch sein mag: auf seine “Beine” und seinen “Knotenstock”, also auf eigenes Vermögen und Handwerk (man könnte sogar sagen, die Vorarbeiten anderer: die Sekundärliteratur, auf die man sich stützt), um den Gipfel selbst in eigener Geschwindigkeit zu besteigen. Dem Licht der Sonne vermag er nur “ins Auge zu blicken”, wenn es im Regenbogen erscheint, d. h. gebrochen in den Tropfen des brausenden Wasserfalls. Der menschliche Erkenntnisapparat ist nur auf das Gefilterte ausgerichtet: Wir müssen gewissermaßen in der “Felsspalte” (wie Moses angesichts des vorübergehenden Gottes) sitzen, um die unsere Fassungskraft übersteigenden Kräfte auszuhalten.
Und jetzt kommt das Beste. Wenn Faust auf “Magie”, also auf die künstliche Beschleunigung verzichtet, geschieht das, was er sich im Grunde ersehnt: Das “UnZulängliche” (vgl. Faust II, Verse 12104–12107) – also, das, was wir eigentlich nicht erzeugen, nicht erreichen können, was sich unserem Zugriff entzieht – wird in herausragenden Augenblicken und im “Unzulänglichen” (also in imperfekten, eben nicht magisch-künstlich erzeugten Dingen, die die Spur unseres Bemühens, unseres Ringens, unserer Unzulänglichkeit als Essenz, als Wahrhaftigkeit tragen) tatsächlich “Ereignis”: Es wird “Er-Äugnis” – d. h. es ist “da”, aber nicht “einfach da”, sondern als Erarbeitetes, Errungenes, Erkämpftes.
Und jetzt verstehen wir auch, warum Gott/Goethe diesem Faust als irrendem, fehlerhaftem, über Leichen (Gretchen, das alte Ehepaar Philemon und Baucis, welches dem Dammbauprojekt weichen muss) gehenden Menschen am Schluss auch noch Erlösung zuspricht.
Die Höllenfahrt fällt aus: Mephistopheles verliert die Wette, weil er Faust letztlich nie wirklich von seiner Sehnsucht und seinem Willen nach Essenz, nach Substanz, nach Wahrhaftigkeit abbringen kann. So sehr er irrt, für die “himmlischen Heerscharen” zählt, dass er – trotz aller sündigen Verführbarkeit durch Mephistopheles, den Geist der Beschleunigung – dennoch dem Göttlichen, d. h. dem Echten, Substanzhaften verbunden bleibt: “Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen” (Faust II, Verse 11936–11937) lauten die berühmten, vielzitierten Verse. Das stete Bemühen wird gekrönt, nicht aber der Irrglaube, dieses intellektuelle Bemühen “einfach mal so” per Magie – per KI – überspringen und schneller zum Gipfel gelangen zu können.
…… SIE SIND NOCH DA?
Sie haben bis hierhin gelesen, gekämpft, gegrübelt – und das nur mit ihrem Kopf, ganz ohne Magie, ganz ohne Abkürzung? Sie faustischer Mensch, Sie! Respekt, Respekt!
Und dafür gibt es jetzt auch für Sie am Schluss die “Erlösung” …
Sie wissen jetzt schon – oder ahnen, was das alles mit KI und unseren modernen Revolutionserfahrungen, unseren Ängsten und Sorgen um das, was “(noch) menschlich” ist, zu tun hat. Und Sie ahnen auch, warum es sich wirklich lohnt, den “Faust” nochmal unter diesem Blickwinkel zu lesen.
Natürlich wäre es unzulässig, zu behaupten, Goethe hätte mit seinem “Faust” schon die KI-Revolution vorausgesehen. Man soll und darf Kunstwerke nicht auf das “hinbiegen”, was man nur allzu gerne in ihnen lesen möchte (auch so eine Erscheinung unserer Zeit – und nicht die beste). Das verbietet sich von selbst, nicht nur von der historischen Einbettung her. Man kann aber – immer mittels begründbarer, stichhaltiger Belege anhand des Textes, die erst ein sauberes Argumentieren ermöglichen, und vor allem unter Hinzunahme des Wissens um Goethes geradezu prophetische Gabe, wenn es um den menschlichen Hang zur Beschleunigung, zur Übersteigerung und zur Selbstvernichtung geht – mit Fug und Recht sagen: Hier hat wirklich jemand ein in seiner geradezu unerschöpflichen Themenvielfalt wahrhaft monumentales Werk geschaffen, in dem die Frage nach dem Wert des Menschlichen, nach seiner Verstrickung in die das von ihm selbst geistig und technisch Geschaffene, ihn Überrollende, nach dem Wert der Mühe von Forschung, Bildung und Erkenntnisstreben die herausragenden roten Fäden bilden.
In einer Zeit, in der Universitäts- und Schulgebäude – sprich: Wissensorte, die noch viel mehr sind als das: nämlich Orte des geistigen Austauschs, des Heranbildens geistiger Autonomie und Urteilskraft und damit Pfeiler unserer Gesellschaft – verfallen, gewinnen diese Fragen brennende Aktualität. Goethe sah es als das wichtigste Ziel eines (Schreib-)Kunstwerkes ansah, dass es seine Leserinnen und Leser zum “Nachschaffen” anrege: Erst die Resonanz in der Auseinandersetzung durch die Leserschaft (“er wird am Ende mehr darin finden, als ich hineinlegen konnte”, Gespräch mit Kanzler von Müller, 18. Juli 1827) lässt das Werk über seinen Entstehungszusammenhang hinaus weiterleben. Fraglich, ob das rein KI-generierte Texte, die “Homunculi” unter den Textsorten, je fertig bringen. Denn wir wissen ja jetzt, was dem Reagenzglas-Produkt fehlt.
Was auf dem Spiel steht in Zeiten von KI
Aber die noch viel drängenderen Fragen sind diese: Wie steht es um solche auf Resonanz hin angelegten Denk-Kunstwerke, wenn sie in unserer Zeit nicht mehr im Urtext gelesen – sondern abgekürzt, auf ein einfaches, “schneller” konsumierbares Maß heruntergeschrieben werden, statt Schülerinnen und Schülern diese Lese- und Lernerfahrung als essentielle Zu-Mutung mit auf den Weg zu geben, damit sie genau das herausbilden können, was wir im KI-Zeitalter dringend brauchen: Wissen, Kenntnis, Erfahrung, Urteilsvermögen? Wie steht es um die Mühe des Forschens, der eigenen intellektuellen Anstrengung, wenn man überlegt, Hausarbeiten an Schule und vor allem Universität abzuschaffen – und damit die wenigen Chancen, das Denken durch das Schreiben und das Schreiben durch Denken zu lernen, dem Nachwuchs von vornherein verwehrt?
Die Diskussionen um den KI-bedingten “Entry-Level-Gap” gehören auch hierher: Was, wenn KI den “Weg verkürzt” – genau diesen aber (mit allen Entwicklungsmöglichkeiten) zugleich für die abschneidet, die diese Lernwege dringend beim Eintritt in den Arbeitsmarkt brauchen?
Und noch weiter reicht die Tragweite: Was geschieht, wenn KI in “dumme” Hände fällt?
Schauen wir kurz ins Studierzimmer, als Mephistopheles – verkleidet im Mantel Fausts – sich den “Spaß” erlaubt, den einfältigen, ohne Urteilskraft und nicht mal mit Misstrauen ausgestatteten Studieranfänger an der Nase herumzuführen: Wie er sich als gewitzter „Prompt-Engineer“ erweist, der Wissen nur noch simuliert – wie er sich “bemäntelt” im Mantel des Gelehrten und Expertenwissen nur noch vortäuscht (merken Sie’s?), um im Studierzimmer dem einfältigen Studenten einzublasen, dass es nicht auf Begriffe (für Goethe unverzichtbar!), sondern nur noch auf “Worte” ankomme …
Was für ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die mit immer mehr Worten, irrelevantem Bla Bla um sich wirft, der aber das Be-Greifen und Begriffe, d. h. nach Goethe echtes Verstehen und Durchdringen immer mehr abhanden kommt. Und was für eine Gefahr: Was passiert, wenn immer mehr “Anfänger” – gerade auch Kinder, Jugendliche – ohne genügend herausgebildete Urteilskraft und Resilienz (Bildungssystem, wo bist Du?) an einen “Mephisto” im Mantel der Gelehrsamkeit geraten? Und das, was die KI in Experten-Attitude ihnen an “Worten” ausspuckt, für bare Münze halten? Wir wissen es: Manipulation ist eines der Übel, die auch aus der Büchse der Pandora herausfliegen.
Was für mephistophelische Unternehmungen! Und: keine Erlösung mehr in Sicht! …. oder besteht doch noch Hoffnung?
“Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen”. Es gibt sie noch. Die, die sich strebend bemühen. Die die Last und die Qual auf sich nehmen, nicht ”Wissen anzuhäufen”, sondern sich Wissen in intellektueller Anstrengung und Denk- und Schreibarbeit zu erarbeiten. Und zwar in der Weise, dass es gerade DURCH dieses Durchdringen – hin zu echter Erfahrung, zu echtem Besitz – damit erst wirklich vermittelbar wird. Nur so kann noch von Wissenstransfer gesprochen werden. Hier winkt die Erlösung, zumindest der Trost für all die frustrierten Forscherinnen und Forscher und alle wegen KI und dem hysterischen Geplapper darum besorgten Gelehrten, Geisteswissenschaftler, Texterinnen und Texter, kurz: Alle Kreativen, die sich das immer noch “antun” – damit wir alle eine Chance haben, an erarbeitetes, nie ganz fehlerfreies, aber doch geprüftes Wissen und an kreative Schöpfungen zu gelangen, die diesen Namen noch verdienen, weil ihnen der Qualitätsstempel echter intellektueller Anstrengung – und damit (nach Goethe) menschlicher Würde tief eingeprägt ist. Mag sein, dass solche echten Schöpfungen – und vor allem auch ihre Rezeption: Lesen, Studieren, Verstehen – Zeit brauchen. Mag sein, dass es “mit KI schneller geht”. Mag sein, dass KI-Schöpfungen glatter, “perfekter” sind. Aber gegenüber ihrer “Geschichtslosigkeit” wirkt in fehleranfälligen menschlichen Schöpfungen genau das, was sie einzigartig macht: der vorangehende Arbeitsprozess, der in jedem erkämpften Satz nachzittert, jedem Pinselstrich, jeder Beweisführung.
„Was hilft’s, daß man den Weg verkürzt!“ – Warum sich gerade jetzt Menschgemachtes, Menschliches bewährt
Goethe misstraute Revolutionen, weil sie mit Gewalt und Überwältigung einhergehen. Evolution war ihm näher: Die Metamorphose, dieses langsame Herauswachsen und dynamische Sich-Transformieren, das nur vorläufige “Ergebnisse” kennt – um wieder neuen Erkenntnissen Raum zu geben (eben nicht die statische “Wissensanhäufung”, von der aktuell so viel reden – eher kommt das Ganze dem “knowledge transforming” näher, von dem die Kognitionswissenschaftler und Schreibdidaktiker Carl Bereiter und Madeleine Scardamalia sprechen). Das war ihm “menschgemäßer”. Und die Gefahr von Revolutionen hat er deutlich gesehen: Wer Denk- und Arbeitsprozesse künstlich überspringt und sich ersparen will, was nun mal nur im mühseligen “Trippelgang” wissenschaftlichen oder kreativ-künstlerischen Erarbeitens leistbar ist, läuft Gefahr, den Ergebnissen – seinen eigenen “Schöpfungen” – weder psychisch noch physisch gewachsen zu sein.
Zugleich aber wusste er eben nur zu gut, dass wir uns die “Luzifers” und “Mephistopheles” nicht selbst austreiben können, weil sie unablösbarer Teil des menschlichen Wesens sind – und (man denke an die Worte des “Herrn” im Prolog im Himmel) sein sollen: Denn zweifellos sind sie es, die als dunkle “Lichtbringer” die Forschung, den Fortschritt antreiben und uns zwangsläufig zu Techniken der Beschleunigung verführen. Die KI als “Schalk”: Eine Art notwendiges, weil den menschlichen Entwicklungsdrang mit beförderndes Übel, das uns herausfordert, die uns – gerade weil sie uns durch Verkürzen, Beschleunigen, “Faken” zur geistigen Bequemlichkeit, zur Aufgabe unserer eigenen Schöpferkraft verführen will – jetzt erst recht dazu zwingt, zu definieren, was uns Menschen ausmacht und worin der Wert unseres Seins und Wirkens besteht. Die aktuelle Diskussion um Begriffe wie “Bildung” und “Wissen” legen davon Zeugnis ab – und ohne die Bedrohung durch die Simulation von Wissen würden wir in unserer Sättigung vielleicht gar nicht merken, wie sehr uns die klaren Begriffe – von Goethe so geschätzt – schon abhanden gekommen sind.
“Das geht nicht mehr weg”, so titelt Andreas E. Loff sein neu erschienenes Buch zu “KI in der Welt von morgen.” Die Ambivalenz ist dem menschlichen Forscherdrang inhärent. Das Mephistophelische tritt aktuell stärker denn je zutage: Die Frage ist aber, ob wir ihm nun endgültig in die Hände fallen bzw. sich uns ihm sorg- und gedankenlos ausliefern. Wenn wir Beschleunigung nur um den Preis der Verdammnis echter Bildung als eines steten “sich Bildens”, um den Preis von kreativer Anstrengung, um den Preis von Kultur als solcher glauben erwerben zu müssen – dann wäre das Ergebnis:
Eine Höllenfahrt nie dagewesenen Ausmaßes.
Viel steht auf dem Spiel. Würde und Wert menschlichen Strebens, menschlichen Schaffens, menschlicher Kreativität und Bildung. Mag sein, dass KI – wie Mephisto – “nicht mehr weggeht.” Aber wenn dem so ist – warum nicht diese neue Gefährdung als Herausforderung betrachten, als gottgewollten “Schalk” (“„Ich habe deinesgleichen nie gehasst; / Von allen Geistern, die verneinen, / Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.” Faust I, Verse 337-339), der den Menschen, wenn er seines Strebens müde wird und stehenzubleiben droht, wieder zum Schaffen antreibt.
“Was hilft’s, dass man den Weg verkürzt!“ Heißt: Lieber mal wieder selber “klettern” mit eigenen Beinen und Knotenstock, “Bock” entwickeln auf’s selber Lesen, selber Denken, selber Schreiben … – und öfter mal den bequemen “fliegenden Bock” stehen lassen. Das trainiert die Synapsen! Das macht menschlich – das ist menschlich.
… nicht umsonst titelt Markus Franz – Journalist, PR-Berater, Redenschreiber sein immer noch empfehlenswertes Buch ‘Reden. Schreiben. Wirken” mit dem Zusatz “und ganz nebenbei ein besserer Menschen werden”
Machen auch wir aus dem Pakt eine Wette – bei der (wie bei Faust) klar ist, wer gewinnt: nämlich der sich immer noch bemühende, strebende, fehlbare Mensch. Betrachten wir den “Schalk” – der nun mal “nicht mehr weggeht” – weniger als Gefährdung oder gar Bedrohung, sondern als Herausforderung, der wir uns stellen müssen.
Und der sich gerade DIE stellen können, die gebildet, kreativ, urteilskräftig und resilient genug sind, um diese neue Revolution zu bewältigen und ihr möglichst gute, “menschenwürdige”, vor allem: für zukünftige Generationen verträgliche Seiten abzugewinnen.
Hinweis zum Text: Erarbeitet, erdacht, erkämpft. Anstrengend war’s. Gelungen? Ich hoffe. Fehlerhaft? Gewiss.
Möglich aber, weil – und das ist das Wunderbare am eigenen Schreiben! – sich beim SchreibDenken all das wieder eingestellt hat, was ich (über 20 Jahre ist meine Promotion schon her) bereits vergessen glaubte (eine “allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben” – danke, Herr von Kleist!). Da sieht man es wieder: Was man sich erarbeitet, selbst wirklich durchdrungen hat, bleibt verfügbar – über Jahre hinweg. Daher auch von meiner Seite der Rat: Nichts künstlich verkürzen. Selbst machen, selbst erleben. Wie erlösend.
… selbst lesen – hier die Literaturhinweise:
Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Herausgegeben und mit Erläuterungen versehen von Sybille Demmer. dtv Verlagsgesellschaft, München. ISBN: 978-3-423-12400-3.
Loff, Andreas O.: Das geht nicht mehr weg. KI in der Welt von morgen. Rowohlt Polaris, Hamburg 2026.
… und wer sich jetzt nochmal mit Schreiben und Denken und SchreibDenken auseinandersetzen will:
Franz, Markus: Reden – Schreiben – Wirken – und ganz nebenbei ein besserer Mensch werden. correctiv, Essen 2015.
Kruse, Otto: Kritisches Denken und Argumentieren. UVK Verlag, Konstanz und München 2024.
Scheuermann, Ulrike: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. utb, Leverkusen 2016.
Zehn Gebote des Schreibens [Autorinnen und Autoren über die Schulter geschaut]. Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), 2. Aufl. München 2012.